Philosophie und Grundlagen: Bauen ohne Kompromisse
Der Einstieg in das Seminar vermittelt die radikale Abkehr von konventionellen Bauweisen hin zu einer kreislaufgerechten Architektur. Es wird aufgezeigt, wie Gebäude geplant werden können, die nicht nur „weniger schädlich“, sondern aktiv gesundheitsfördernd und ressourcenpositiv sind.
• Zirkularität im Hochbau: Verwendung von fast ausschließlich kompostierbaren Naturbaustoffen (Holz, Stroh, Lehm, Hanf) statt Verbundwerkstoffen
• Vermeidungsstrategien: Verzicht auf Folien, Bauschäume, Kleber und erdölbasierte Dämmstoffe
• Das „Stro(h)mhaus“-Konzept: Die Symbiose aus dem Baustoff Stroh und der Energiequelle Strom – wie sich durch exzellente Bauteile die Haustechnik revolutionieren lässt
Konstruktion und Material: Strohballen- und Vollholzbauweise
Dieses Modul vertieft die konstruktiven Details, die für die Planungssicherheit bei Architekt*innen entscheidend sind. Es werden Unterschiede zwischen lasttragendem und nicht-lasttragendem Strohbau sowie modernen Holzbausystemen erläutert.
• Wandaufbauten im Detail: Holzständerwerke mit Strohballendämmung und direkter Beplankung (z. B. Lehmbauplatten oder direkter Lehmputz)
• Vollholz-Modulbau: Vorfertigung von Wänden und Decken (z. B. verdübelte Systeme) für extrem kurze Bauzeiten (Rohbau an einem Tag)
• Bauphysik & Brandschutz: Umgang mit Feuchte (diffusionsoffen statt Dampfsperre) und Brandschutznachweise (F30/F90) bei Stroh- und Holzkonstruktionen
• Fundamentierung: Ressourcenschonende Gründung auf Schaumglasschotter oder Schraubfundamenten statt massiver Betonbodenplatten
Haustechnik neu gedacht: Das „Low-Tech“-Energiekonzept
Hier wird mit dem Dogma der komplexen wassergeführten Heizsysteme gebrochen. Es wird aufgezeigt, warum in hocheffizienten Naturhäusern eine Elektrifizierung der Wärmeversorgung ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist.
• Abkehr von der Wärmepumpe: Warum Investitions- und Wartungskosten konventioneller Heizungen im „Stro(h)mhaus“ eingespart werden können
• Infrarot- und Flächenheizung: Integration von elektrischen Heizmatten direkt in den Lehmputz der Decken oder Wände
• Energieerzeugung: Nutzung der gesamten Dachfläche als Kraftwerk mittels PV-Dachziegeln, die die konventionelle Dachhaut ersetzen
• Dezentrale Warmwasserversorgung: Energieeffizienz durch elektrische Durchlauferhitzer am Verbrauchsort statt Zirkulationsleitungen und Speicherverlusten
Kreislaufwirtschaft und Re-Use in der Praxis
Am Beispiel konkreter Projekte (z. B. Reihenhaus Berlin-Kladow) wird demonstriert, wie „Urban Mining“ funktioniert und wie Bestandsmaterialien in neuen Kontexten wiederverwendet werden.
• Wiederverwendung: Einsatz von gereinigten Abbruch-Mauerziegeln für Fassaden
• Veredelung von Naturmaterial: Fassadengestaltung mittels Shou Sugi Ban (verkohltes Holz) als natürlicher Holzschutz ohne Chemie
• Innenausbau: Nutzung von Stroh-Trockenbauplatten und Lehmputzen zur Regulierung des Raumklimas und zur Schimmelvermeidung
Detaillierte Projektanalysen (Case Studies)
Zum Abschluss werden drei realisierte Projekte in ihren spezifischen Herausforderungen und Lösungen analysiert:
• Projekt 1: Zweifamilienhaus Warbende (Strohballenbauweise): Fokus auf Eigenleistung, Lehmgrundofen mit Wassertasche und Stampflehmwände
• Projekt 2: Ferienhaus Wanzka (Holzmodulbau): Fokus auf Vorfertigung, autarke Abwasserreinigung durch Pflanzenkläranlagen und PV-Dachhaut
• Projekt 3: Reihenhaus Berlin (Holz-Stroh-Modul): Fokus auf Nachverdichtung im städtischen Raum und baubiologische Sanierung
Die folgenden Inhalte und Kompetenzen werden im Seminar vermittelt:
• Planungskompetenz für autarke Gebäude: wie stimmt man Gebäudehülle (Stroh/Holz) und Technik (PV/Strom) so aufeinander ab, dass ein Gebäude weitgehend energieautark funktioniert, ohne komplexe Wartungstechnik zu benötigen.
• Sicherheit im Umgang mit Naturbaustoffen: die bauphysikalischen Eigenschaften von Stroh und Lehm erkennen und wissen, wie Tauwasserprobleme konstruktiv vermieden (diffusionsoffene Bauweise) und wie Brandschutzanforderungen erfüllt werden können
• Kosten-Nutzen-Argumentation: Bauherren gegenüber argumentieren, warum der Verzicht auf eine konventionelle Heizung (bei Investition in die Dämmung und PV) die Lebenszykluskosten senkt und die Wartungsfreiheit erhöht.
• Integration von Re-Use-Konzepten: wie gebrauchte Bauteile (Ziegel, Hölzer) in die Ausschreibung und Planung integriert werden können, um den CO2-Fußabdruck des Projekts zu minimieren
• Rechtssicherheit und Förderung: wie sind solche innovativen Bauweisen genehmigungsfähig sind und welche aktuellen energetischen Standards (z. B. GEG) werden damit nicht nur erfüllt, sondern übertroffen