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Fazit Workshop der Hamburgischen Architektenkammer „Ankunftsstadt Hamburg – aber wie?“

15.03.2016
Vom 2. bis zum 4. März veranstaltete die Hamburgische Architektenkammer in den Räumen der Freien Akademie der Künste einen Workshop zur Frage der Unterbringung von Geflüchteten.

Ausgehend von der Tatsache, dass Hamburg in der Realität bereits eine „Ankunftsstadt“ ist, sollte der Workshop neue, innovative Ansätze zur Bewältigung der Krise bei der Unterbringung von Flüchtlingen befördern. Dabei wurden in drei Arbeitsgruppen verschiedene (räumliche) Maßstabsebenen der Planung und Gestaltung in den Fokus genommen: die des Einzelobjekts (Architektur), der Stadtquartiere (Städtebau und Gebietsentwicklung) sowie die gesamtstädtische Ebene. Neue Unterbringungsmöglichkeiten sind eine Querschnittsaufgabe, wo verschiedene Kompetenzen wie Gestaltung, interkulturelle Zusammenarbeit, Planungsrecht, Finanzierung, Steuerung und Kooperation zusammenlaufen. Die Workshopteilnehmer waren sich deshalb darin einig, dass neue fachübergreifende Planungsstrategien, die Einbindung von Bauherren und Betroffenen sowie die nachhaltige Betreuung der Quartiere Grundlage für alle künftigen Planungen sein müssen. Näheres hierzu findet sich im Zehn-Punkte-Papier der HAK zur Flüchtlingsunterbringung, das hier nachzulesen ist.

Konkret gliederte sich die dreitägige Veranstaltung in einen öffentlichen Auftaktteil mit fünf Impulsreferaten, dem nichtöffentlichen anderthalbtägigen Workshopteil sowie der öffentlichen Präsentation der Ergebnisse und eine abschließende Podiumsdiskussion.

Der Workshop sollte Ideen und Antworten liefern zu zahlreichen Schlüsselfragen:

  • Wie können Architekten zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz des Flüchtlingsthemas beitragen?
  • Wie und wo kann die Planungskompetenz helfen, um mehr gestalterische Qualität und eine bessere Integration in bestehende Quartiere zu erreichen?
  • Welchen Beitrag können Architekten leisten, um unüberlegte Ad-hoc-Entscheidungen bei der Unterbringung von Flüchtlingen zu vermeiden und nachhaltige, langfristige Entwicklungsmodelle zu erlangen?
  • Wie kann durch kluge und vorrausschauende Planung die Flüchtlingskrise zu einer Chance der Stadtentwicklung werden und Innovation entstehen?

Die Veranstaltung war ein Erfolg: Die Impulsreferate lieferten wertvolle Thesen und Erkenntnisse, gerade weil sie den Blick öffneten für Migrationsbewegungen und Ankunftsstädte in anderen Teilen der Welt oder zu anderen Zeiten. Die Workshopgruppen erarbeiteten in intensiven anderthalb Tagen interessante Vorschläge und Ideen, über die in der Hamburger Presse breit berichtet wurde. Es wäre sehr zu wünschen, dass diese Ergebnisse Eingang finden in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs, in die Planungen künftiger Unterkünfte und Wohnräume, aber auch in Städtebau und Stadtentwicklung. In der Abschlussrunde, die sich von einem Podiumsgespräch schnell zu einer Diskussion zwischen Podium und Publikum wandelte, gelang es schließlich, führende Protagonisten von Politik, Verwaltung, Bürgerinitiativen und Baukultur miteinander ins Gespräch zu bringen, Fehlentwicklungen aber auch Lösungsvorschläge aufzuzeigen. Man kann durchaus davon sprechen, dass von dieser Veranstaltung eine Aufbruchsstimmung ausging, ein Signal, dass die gegenwärtige Krise zugleich eine große Chance zur Weiterentwicklung der Stadt ist. Und es wurde sehr deutlich, dass die Planerinnen und Planer in Hamburg bereit und willens sind, sich mit ihrem Können, ihrer Erfahrung und ihren Ideen einzubringen, neue Wege zu gehen, um Räume und Quartiere zu erschaffen, die nicht nur Schutz und Wohnraum bieten, sondern auch einen Beitrag zur Integration und Urbanität leisten.

Wir können an dieser Stelle keine vollständige Dokumentation des Workshops leisten, wollen die schriftlichen Statements der Arbeitsgruppen veröffentlichen. Die Impulsreferate vom ersten Tag finden Sie zum Download hier. Eine ausführliche Dokumentation des Workshops wird in Form einer Broschüre erfolgen, die derzeit erarbeitet wird. Wir informieren Sie darüber, sobald diese erscheint.

Im Workshop wurden die Schwerpunktthemen im Zusammenhang mit Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge mit unterschiedlicher Relevanz für die drei Maßstabsebenen – Einzelobjekte und kleine Anlagen, Stadtquartiere und Gesamtstadt – diskutiert. Jeweils ein leitender/e Moderator/-in führte die Gesprächsrunde an. Ein/e Co-Moderator/-in unterstützte und schrieb Notizen und Berichte. Jede Workshop-Gruppe bestand aus einem interdisziplinären Team unterschiedlicher Akteure, die verschiedene Expertise und Sichtweisen einbringen. Die Teilnehmeranzahl lag bei ca. 15 Personen pro Gruppe. Ziel war es, mit einfachen Mitteln eine Mini-Ausstellung zu produzieren, anhand derer den Besuchern am dritten Tag die Kernergebnisse dokumentiert wurden. Jede Gruppe arbeitete in einem „Kokon“ – einem Arbeitsbereich, der von Stellwänden eingefasst wurde. Auf diesen wurden dann die Workshop-Ergebnisse präsentiert.

Workshop 1: Perspektive Stadtentwicklung

In dieser Gruppe wurde die gesamtstädtische Entwicklung in den Fokus genommen. Einige der Fragen, die die Gruppe beschäftigten lauteten: Wie verändert sich die Stadt durch die Unterbringung von Geflüchteten? Sollte die Stadtentwicklungsstrategie Hamburgs den veränderten Rahmenbedingungen angepasst werden und wenn ja: wie? Wie sind geeignete und ungeeignete Flächen für die Flüchtlingsunterbringung und den Wohnungsbau definiert und wo liegen sie oder könnten sie liegen? Ist die Größe von Unterkünften ein entscheidender Faktor? Wie können unter schwierigen Rahmenbedingungen soziale und funktional gemischte Quartiere entstehen und Transparenz und Bürgerbeteiligung bei der Planung hergestellt werden?

Statement Workshop 1
Mehr Stadt … agieren statt reagieren!

Die aktuelle Diskussion um die Standorte für den Expresswohnungsbau in Hamburg sollte nicht durch den Kampf um Zahlen und Wohneinheiten dominiert werden, vielmehr müssen die Chancen und Möglichkeiten der Einbindung dieser Standorte in die Stadt bzw. in den Kontext größerer Entwicklungsvorhaben im Vordergrund stehen. Wir brauchen mehr Stadt… – eine Vision der Stadtentwicklung für die nächsten 20 Jahre.

Hamburg ist Ankunftsstadt für alle! Bei anhaltender Wachstumsdynamik und Zuwanderung wird Hamburg in den nächsten Jahrzehnten auf knapp 2 Mio. Einwohner anwachsen. Dieses Wachstum braucht Steuerung und eine Renaissance der übergeordneten Planung, denn die derzeit angedachten Flächenentwicklungen reichen noch wenige Jahre. Hierzu ist ein ehrlicher Dialog zu führen, indem die Chancen für die Stadtgesellschaft im Vordergrund stehen; wir sollten Bilder transportieren und über Qualitäten diskutieren, nicht nur über Risiken oder Zahlen der Unterbringung.

Hamburgs räumliches Leitbild ist weiter zu entwickeln. Strategien der „inneren Verdichtung“ und die weitere Umsetzung des „Sprungs über die Elbe“ sowie des Projekts „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ sind richtig und deshalb konsequent weiter zu verfolgen. Der Hafen und seine Teilfunktionen befinden sich aber nachhaltig im Umbruch. Deshalb sind gerade an den Schnittstellen der Stadt mit dem Hafen weitere Möglichkeiten der Urbanisierung dieser „Metrozonen“ zu nutzen. Das planerische Handwerkszeug ist in Teilen nicht mehr zeitgemäß. Für Projekte der Innenentwicklung (urbane Baugebiete) sind die Regelungen der BauNVO und die Grundsätze des §50 BImschG zur Funktionstrennung zu überprüfen. Für den geförderten Wohnungsbau sind die IFB-Förderrichtlinien an neue Anforderungen anzupassen (flexibel nutzbare Räume/Grundrisse). Auch der freie Markt sollte sich unter dem Stichwort „Wohnen und mehr!“ stärker um Faktoren wie nutzungsoffene Erdgeschosse als Potenzialflächen für Kleingewerbe, Handwerk, Einzelhandel und soziale Angebote bemühen. Alle Seiten sollten auch den Mut zum Experiment befördern - situativ deregulieren, später nachregeln.

Die Stadt muss sich weiterhin Perspektivräume erschließen: Der Grasbrook bleibt der zentrale Baustein für den Sprung über die Elbe und muss deshalb auch nach dem „Aus“ für Olympia in Hamburg Teil der wachsenden Stadt werden, ggf. auch in vielen kleinen Schritten. Bei anhaltendem Druck auf den Siedlungsflächen sind langfristig auch Verlagerungsoptionen der Messe zu diskutieren, um dieses zentrale Gelände für eine gemischte Nutzung mit Schwerpunkt Wohnen zu entwickeln. Außerhalb des zweiten grünen Rings können vorhandene Kleingärten ein weiteres Potenzial darstellen, da hier die Freiraumausstattung hoch und die Dichte der Stadt zumeist gering ist.

Neben der Innenentwicklung müssen auch „alte“ Planungsideen wieder auf die Agenda. Mehr Stadt an neuen Orten! Ja, aber an den richtigen Orten! Schon in früheren Wachstumsphasen hat Hamburg eine stärkere Siedlungsentwicklung entlang der Verkehrsachsen Harburg/Stade und nach Bergedorf verfolgt und diese in wesentlichen Teilen auch planerisch vorbereitet. So stellt der Flächennutzungsplan in der Entwicklungsachse Bergedorf große Flächenpotenziale für eine Siedlungsentwicklung entlang der S-Bahn-Trasse dar.

Die Chance in dieser aktuellen Krise liegt in der Bündelung der Kompetenzen der Stadt. Die IBA 2013 hat gezeigt, dass moderne interdisziplinäre Strukturen in Politik, Verwaltung, Planer- und Architektenschaft hohe Dynamik in den Planungsprozessen entfalten können. Es ist an der Zeit, hierfür Ressourcen bereitzustellen und in den Dialog um neue Verfahren und Prozesse einzusteigen.

Moderationsleitung: Volker Rathje, Berthold Eckebrecht, Mitglieder: Hans Peter Boltres, Hans Christian Lied, Heiner Limbrock, Ivonna Luty, Vanessa Martin, Karen Pein, Gabriele Pütz, Sabine Rabe, Sabine Schwirzer, Lutz Siebertz, Sina Wendl

Abbildungen:

Analyse Luftbild    

Leitbild Perspektiven

 

Workshop 2: Wohnungsbau für alle

Die Gruppe 2 betrachte das Bauen für Geflüchtete auf der Quartiersebene: Wie kann ein beispielhaftes, innovatives Stadtquartier für Flüchtlinge beschaffen sein? Welche Funktionen sollte es umfassen, für welche Menschen entwickelt werden? Wie kann eine Mischung von Wohnen und Arbeiten konkret funktionieren? Handelt es sich um „normalen“ Wohnungsbau oder gibt es spezielle Anforderungen, die sich in der Planung und dem Bau niederschlagen? Sollten Alternativen zu den üblichen Planungs- und Genehmigungsverfahren entwickelt werden? Welches Maß von Eigenständigkeit und Vernetzung mit der umliegenden Stadt ist das richtige?

Statement Workshop 2
Ankunftsstadt – Arbeitsstadt – Insel der Pioniere

Wer flieht, gibt nicht nur seine Heimat sondern auch seine ökonomische Basis auf. Auf der Flucht, den verschiedenen Zwischenstationen und am (vorübergehenden) Ziel angekommen, ist die Schaffung einer neuen ökonomischen Basis für das langfristige Zukunft essentiell und damit Grundbedingung für jede Integration. 

„Migration works, when migrants work.“ Die Stadt der Pioniere verhandelt am Beispiel des Grasbrook das Paradigma der funktional gegliederten Stadt, also der konventionellen Trennung von Produktion/Gewerbe und Wohnen, neu. Ausgangspunkt sind hierfür 3 unterschiedliche Strategien/Prozesse:

Die Akteursstadt geht von einer organischen Entwicklung aus. Die Besiedlung bestehender Immobilien und Flächen ist der Ausgangspunkt einer langfristigen Transformation. Planung und Richtungsentscheidungen erfolgen aus dem Bestand heraus und nutzen die Chancen des Genius Loci. Sie dienen der Weiterentwicklung und Verstetigung von Netzwerken und Ökonomien.

Die Inselstadt definiert Zonen unterschiedlicher Begabungen, Qualitäten und Zentralitäten. Auf verschiedenen Archipelen/Warften entstehen unterschiedliche Milieus in denen getrennt, jedoch in enger Nachbarschaft sehr unterschiedliche Dinge möglich sind. Die gewerbliche Nutzung kann zwischen den Warften weiterhin funktionieren. Ökonomie entsteht immer an Schnittstellen.

Die egalitäre Stadt geht von seriellen Parzellen aus. Die sich wiederholenden Bausteine erlauben eine individuelle Entwicklung im Kleinen. Entsprechend der Bedürfnisse und ökonomischen Prozesse werden einzelne Bausteine ersetzt und verändert. Die maximalen Kontaktflächen der Erdgeschosse zum öffentlichen Raum sind Ausgangspunkt mikroökonomischer Prozesse.

Moderationsleitung: Ingrid Spengler, Mitglieder: Bertel Bruun, Drees & Sommer, Bodo Hafke, Christian Herbert, Bettina Kunst, Friedrich Prigge, Dirk Hinzpeter, Jana Kerpen, Prof. Dr. Michael Koch Mathias Lentl, Sophia Lobinger, Karin Loosen, Michael Mathe, Yvonne Raschke, Nina Rohloff, Konrad Rothfuchs, Matthias Rottmann, Rudolf Rüschoff, Isabel Sagasser, Thomas Tradowsky, Fredo Wiescholek, Merle Zadeh

Abbildungen:

Übersicht

Akteursstadt 1

Akteursstadt 2

Inselstadt 1

Inselstadt 2

Egalitäre Stadt 1

Egalitäre Stadt 2

 

Workshop 3: Ankunft und Unterkunft

Die Gruppe 3 sollte Ideen und Vorschläge für die Erstunterkünfte von Geflüchteten entwickeln. Wie kann hierfür einfach, kostengünstig und schnell geplant und gebaut werden und dennoch Qualität hergestellt werden? Welche Formen von Standardisierung bei Planung und Bau sind sinnvoll und welche nicht? Sollten und können Flüchtlinge selbst an der Herstellung von Unterkünften beteiligt sein? Wie können die temporären Bauten der öffentlich-rechtlichen Unterbringung in die Nachbarschaften integriert werden und Akzeptanz hergestellt werden? Wie könnte es möglich sein, zusätzliche Funktionen und Angebote in die Unterkünfte zu implementieren?

Statement Workshop 3:
Unser Vorschlag ist an der „Wohnkarriere“ orientiert, die Flüchtlinge auf dem Weg durch die Institutionen der Wohnraumversorgung machen müssen. Die Stationen sind die „Zentrale Erstaufnahme“, die „öffentlich rechtlichen Unterkünfte“ und schließlich die regulären Wohnungen. Es wird eine kleinteilige Ansiedlung von Wohneinheiten angestrebt, die die Integration der Ankommenden erleichtert und eine funktionierende Nachbarschaft ermöglicht. Dafür müssen geeignet Flächen gefunden werden. Für die Qualitätsoptimierung und die Konfliktbewältigung ist ein gestaffeltes und differenziertes Teilhabeverfahren notwendig, das sowohl auf der Mitwirkung der Flüchtlinge, als auch auf der Partizipation der Anwohner basiert.

Wir gehen von einer modularen, flexiblen und vorgefertigten Bauweise aus, die kleinteilig, schnell und günstig gebaut werden kann. Die Bauten sollen so baulich gut und anpassungsfähig in die Umgebung eingebunden werden können. Sie sollen die Bewohner auch befähigen, sich „ihren“ Ort anzueignen und außerdem eine „mobile Urbanität“, die mobile Service- und Infrastrukturen, wie z.B. eine gemeinsame Kinderbetreuung, eine kleine informelle Fahrradwerkstatt oder „food trucks“ beinhaltet, ermöglichen.

Nach drei Jahren erfolgt eine partizipative Evaluation der Wohnanlagen oder Wohnimplantate durch die Bewohner und die Anwohner, die über deren Weiterbau bzw. der Verstetigung entscheidet. Aus den Provisorien werden entweder feste, architektonisch gut integrierte preisgünstige Wohnungsbauten oder sie können einfach wieder zurückgebaut werden. Die einfache modulare Struktur der Wohnungen erleichtert sowohl den Aufbau den Rückbau, als auch die Weiterverwertung der Einheiten.

Moderationsleitung: Carsten Venus, Mitglieder: Bert Bücking, Bernd Dahlgrün, Luigi Foglia, Tamer Hakmi, Susanne Hofmann, Mustafa Jadran, Rolf Kellner, Florian Lorenzen, Anke Schmidt, Joachim Schultz-Granberg, Moritz Seifert, Julia Täubert, Thomas Walter

Abbildungen:

Zeitstrahl

Modulbau

Perspektive